Mein erster 4.000er: Mont Blanc du Tacul

Angespannt sitze ich auf der Rückbank im Auto nach Chamonix. Ziel ist der Aufstieg auf den 4.810 Meter hohen Mont Blanc über die Cosmique-Route. Noch nie zuvor stand ich auf über 4.000 Meter. Grüblerisch schaue ich aus dem Fenster, zähle die vorbeifahrenden Autos. Wie wird mein Körper auf die Höhe reagieren? Schaffe ich das überhaupt? Mute ich mir da nicht vielleicht doch zu viel zu? Ich schließe die Augen, atme durch. Mir ist ein bisschen übel.

„Akklimatisation ist das A und O“

„Natürlich können wir nicht sofort auf den Mont Blanc spazieren,“ verkündet der Bergführer am Folgetag. Zuerst steht eine Akklimatisationstour an. Vielleicht sogar zwei. Das gibt mir zumindest Zeit. Zeit, um zu überlegen, ob ich den Gipfel wirklich mitmachen muss. Ziel der Akklimatisationstour ist der Mont Blanc du Tacul (4.248 m). Später wird er auch auf der Aufstiegsroute zum Mont Blanc passiert werden. Wenn ich hier also schon scheitere, weiß ich, dass der Weiße Berg nichts für mich ist.

Am Berg wird jeder zum Frühaufsteher

Das Sprichwort mit dem Early Bird und dem Wurm habe ich immer abgelehnt. Sobald ich auf Tour bin, ist es allerdings Programm. Am Berg wird jeder zum Frühaufsteher. Um kurz vor 5:00 Uhr klingelt der Wecker. Um Punkt 5:00 Uhr sitzen wir bereits am Frühstückstisch und um 6:00 Uhr stehen wir Abmarschbereit vor der Refuge des Cosmiques. Hinter den umliegenden Gipfel zeigen sich bereits die ersten Sonnenstrahlen und bringen eisige Bergflanken zum Glühen. Leider nur optisch. Die Umgebungsluft ist bitterkalt.

Luft! Wo ist die Luft?!

In der Ebene fühl ich mich wohl. Wir spazieren gut gelaunt auf die steile Bergflanke zu. Und dann kommen die ersten Schritte bergauf. Das Lächeln wird mir so schnell aus dem Gesicht gefegt wie die Luft aus meinen Lungen. Ich keuche. Der Bergführer marschiert fröhlich vor uns her, während ich schwer atmend mitzuhalten versuche. Wenn wir nicht angeseilt wären, wäre ich schon längst zurückgefallen. Macht sich die Höhenluft etwa so sehr bemerkbar? Oder muss ich mir schon jetzt eingestehen, dass ich unfit bin?

Riesige Gletschespalten versperren den Weg

Im Schildkrötenmodus arbeite ich mich vorwärts. Bis wir vor einer riesigen Gletscherspalte stehen. Nur eine Leiter ermöglicht den Übergang über die Eisspalte. Mit Seilen in Position gehalten, schaukelt und knarrt die Leiter bedrohlich, während ich über die knapp 15 Stufen nach oben steige. Die Steigeisen klirren bei jedem Tritt auf dem harten Metall. Am oberen Ende lasse ich die helfenden Sprossen los und halte mich auf den letzten Tritten am Pickel fest, den ich vor mich in das Eis schlage.

Felskletterei mit Steigeisen

Zwei weitere Gletscherspalten gilt es zu überwinden. Über beide führen Schneebrücken. Einzeln und vorsichtig überschreiten wir die Brücke unter den wachsamen Blicken der restlichen Seilschaft. Ansonsten zieht es sich weiter steil nach oben. Meine Lungen gewöhnen sich an die Anstrengung. Erst kurz vorm Gipfel wird es nochmal anstrengend. Dann wartet leichte Felskletterei auf uns. Wir behalten die Steigeisen an den Füßen und klettern die letzten Meter zum höchsten Punkt. Und dann … dann stehen wir oben!

Mein erster 4.000er

Erleichtert atme ich auf. Hier stehe ich. Auf meinem ersten 4.000er. Hinter uns erhebt sich stolz der mächtige Mont Blanc, auf dem wir am nächsten Tag stehen werden und erinnert mich daran, dass es dort noch 900 weitere Höhenmeter zu überwinden gilt. Der Bergführer nickt mir aufmunternd zu, klatscht ab und gratuliert zum Gipfelerfolg. Ich verdränge die Sorgen vor dem nächsten Tag, komme zurück ins Jetzt. Grinse und freue mich über den aktuellen Moment.

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5 thoughts on “Mein erster 4.000er: Mont Blanc du Tacul

  1. Glückwunsch für den Gipfelerfolg! Auf welchem Weg seid Ihr denn zum Refuge des Cosmiques gelangt? Als ich vor gut einer Woche in Chamonix war, war die Seilbahn zum Aiguille du Midi wegen Reparaturarbeiten schon einige Zeit gesperrt und es gab noch keinen Termin für die Wiedereröffnung. Seid Ihr ganz von unten aufgestiegen?

      1. Nicht wirklich auf den Gipfel, nur auf die Aiguille du Midi. Aber es war die ganze Woche, als ich in Chamonix war, geschlossen. 🙁 Ich hatte nur ein paar Testfahrten mit einer Kabine vom Tal aus gesehen. Mein Versuch, mich als kostenloses Testsubjekt für eine Fahrt anzubieten, ist leider fehlgeschlagen. 🙂 Naja, nichts zu machen, bei Seilbahnen gilt verständlicherweise Safety First. Warst Du denn am Ende auf dem Mont-Blanc-Gipfel? Bin dann gespannt auf den Tourenbericht!

      2. Das wäre ja auch zu schön gewesen 😉 Hoffentlich hast du das nächste Mal mehr Glück, wenn du da bist!
        Und ja, ich war am Ende am Mont Blanc. Der Bericht kommt noch 🙂

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