7/101: Skihochtour zur Weißspitze in Osttirol

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich die 101 besten Berge auswähle. Da gibt es keinen Kriterienkatalog. Meist weiß ich im Vorhinein noch nicht mal, dass es ein Gipfel in die Liste schaffen wird. Denn es ist nicht nur das Aussehen, das zählt. Sondern es zählt das Gefühl, das mich beim Aufstieg begleitet. So war es auch diesmal. Die Weißspitze in Osttirol ist der 7. Berg auf der Liste.

The Early Bird

Früh geht es los. Obwohl ich eindeutig lieber mit der inneren Uhr als mit dem Wecker aufstehe, komm ich an Skitourentagen da nicht drum herum. Wahrscheinlich hätte ich kaum länger geschlummert, trotzdem fühle ich mich immer viel müder, wenn ich morgens geweckt werde.

Einen (zwei/drei/vier…) Kaffee später sieht die Welt dann schon wieder ganz anders aus. Jetzt bin ich bereit. Gestartet wird in Prägraten am Großvenediger. Die Tourenski samt Fellen liegen schon fix und fertig vor mir. Kann losgehen!

Eisiger, langer Aufstieg

Insgesamt 1.900 Höhenmeter sind es vom Tal bis zum Gipfel. Das ist einiges. Die ersten Meter sind anstrengend. Ich brauche länger als sonst, um meinen Rhythmus zu finden. Kennt ihr diese Tage, an denen alles irgendwie ein bisschen unrunder läuft? Das ist heute einer von ihnen. Es ist nicht ganz mein Tag, das merke ich.

Es dauert länger, aber ich komme rein. Einige Zeit später setze ich nur mehr einen Schritt vor den anderen. Seit wir den Winterwanderweg verlassen und ein ganzes Stück nahezu flach ins Timmeltal hineingegangen sind, geht es jetzt am Talschluss steiler bergauf.

Die Harscheisen klirren bei jeder Berührung mit der eisigen Oberfläche. Neuschnee war in diesem Winter ja eher Mangelware. Ich bin dankbar, dass ich die kleinen Helferlein unter der Bindung dabei habe. Sonst hätte ich noch viel mehr kämpfen müssen.

Pause an der Eisseehütte

Startpunkt:Prägraten
am Großvenediger
Höhenmeter:1900 m
Dauer:9 Stunden
Schwierigkeit:schwierig
Beste Zeit:September – Mai

An der Eisseehütte machen wir Rast. Die Terrasse der Hütte liegt in der Sonne und ermöglicht einen herrlichen Blick hinab ins Tal. Dort kann ich ziemlich genau unsere Aufstiegsspur verfolgen.

Bis hier hin war es schon ganz schön anstrengend. Aber das härteste Stück sollte erst noch kommen. Mir selbst Zuversicht zusprechend nehme ich einen Schluck Wasser und reiße das Papier eines Riegels auf. Ein bisschen zusätzliche Energie kann nicht schaden.

Einen Fuss vor den anderen

Dann kremple ich im wahrsten Sinne des Wortes die Ärmel hoch. Weiter geht’s. Eine lange Rinne liegt vor mir. Serpentine für Serpentine spaziere ich nach oben. Nur nicht nach oben schauen, geht es mir durch den Kopf.

Wenn ich nicht weiß, wie lange es noch ist, kann ich weiterhin getrost nur den nächsten Schritt im Auge behalten. Manchmal erschlägt es mich, wenn ich die komplette Dimension sehe.

Mit dieser Taktik schaffe ich es bis zum Skidepot. Rückblickend war das so auch alles gar nicht so schlimm. Natürlich stecken mir die Höhenmeter in den Beinen, aber meine Atmung geht gleichmäßig. Ich hab also noch Luft für den letzten Anstieg.

Eine Aussicht, die Entschädigt

Ohne Ski stapfen wir hintereinander die steile Gipfelflanke hinauf. Der Schnee ist weich. Teilweise sinken wir tief ein. Hin und wieder geht ein Tritt kaputt und ich rutsche einige Zentimeter tiefer als vorgesehen. Dann suche ich mit den Stöcken Halt. Muss mich wieder konzentrieren und zielgerichtet Stufen treten.

Es ist wirklich steil. Runterrutschen möchte ich nicht. Das konzentrierte Aufsteigen erleichtert uns später übrigens auch den Abstieg. Denn dadurch sind die Tritte so gut, dass sie auch beim Runtergehen noch halten.

Anschließend folgen wir dem felsigen Gipfelgrat und stehen wenige Augenblicke später am Kreuz. Geschafft! Ich bin oben.

Dann blicke ich mich um und schlagartig ist alle Müdigkeit vergessen. Die Aussicht an diesem Bluebird-Tag entschädigt für alles. Ich stehe mitten in den Alpen. Vor mir erstrecken sich die Dolomiten. Auf der anderen Seite blicke ich auf die vergletscherte Flanke des Großvenedigers. Das ist wohl die beste Aussicht, die ihr auf diesen Berg haben könnt!

Sieg über mich selbst

Ein eisiger Wind pfeift mir um die Ohren. Aber das ist mir im ersten Moment herzlich egal. Ich bin dankbar, dass ich oben stehe.

Nicht nur, weil ich den Gipfel gemeistert habe, sondern weil ich mir auch selbst bewiesen habe, dass ich mich auch an den nicht so guten Tagen durchbeißen kann. Das war die viel wichtigere Erfahrung. Und das ist das Gefühl, was auch im Nachhinein noch stark bestehen bleibt.

Gipfel Nummer 7, du warst an sich nicht der schwierigste Berg in der Liste, aber trotzdem eine persönliche Challenge. Willkommen unter den 101 Bergen, die mir so viel mehr geben, als nur ein geniales Bergerlebnis.

Die Landschaft kann sich auf der Tour aber eindeutig auch sehen lassen…

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