2/101 Wildspitze: Eiskalte Skitour

„Das wird kritisch heute“. An der Bergstation des Gletscherexpress legen wir die Klettergurte an, stellen die Steigeisen auf die Skischuhe ein und wärmen uns nochmal kurz auf. Draußen herrschen frostige Temperaturen. Das Thermometer verkündet knackige -18 Grad Celsius. Und für uns geht es ja heute noch viel weiter hinauf. Unser heutiges Ziel ist die Wildspitze, die mit ihren 3.768 m der zweithöchste Berg Österreichs ist.

Einsamer Einstieg in eine beliebte Skitour

Mit der Wildspitzbahn fahren wir noch ein Stückchen höher bis zum Einstieg der Skitour am Mittelbergjoch. Schon jetzt macht sich die Kälte bemerkbar. Das zeigt sich auch an der Anzahl der Menschen, die abgesehen von uns noch den Weg über den Taschachferner antreten. Zwei Tourengeher wollen ebenfalls zur Wildspitze. Zwei weitere wählen die Route zum Brochkogel. Ansonsten begegnen wir niemandem. Eine Seltenheit auf einer Tour, die ansonsten so beliebt ist. So stapfen Felix und ich samt Bergführer los und sind den vier Leuten vor uns dankbar, die uns den Weg durch den bis dato noch unbegangenen Neuschnee spuren.

Unangeseilt über den Gletscher

Wir queren den Taschachferner in Richtung Brochkogel. Angeseilt sind wir nicht. Es ist Ende Januar und durch die massiven Schneefälle in den letzten Wochen seien die Schneebrücken über den Spalten dick genug. „Da liegen 5 bis 10 Meter Schnee auf dem Gletscher,“ beruhigt mich der Bergführer. Das halte locker. Okay. Er ist der Fachmann, dafür haben wir ihn dabei. Doch er hat nicht nur gute Nachrichten für uns. Immer wieder wirft er einen kritischen Blick in Richtung Ziel. So richtig zuversichtlich sieht er nicht aus.

Wir müssen uns entscheiden

„Da oben herrschen bestimmt Windgeschwindigkeiten von bis zu 70 km/h.“ Und der Sturm kommt von Süden. Das bedeutet, es wird eher noch schlechter als besser. Das heißt gleichzeitig, dass die gefühlten Temperaturen dank des Winds schnell bei bis zu – 35 Grad Celsius liegen könnten. Obwohl wir gerade geschützt laufen und die Sonne von oben wärmt, ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, dass es noch kälter werden könnte. Schon jetzt zehrt die eisige Luft merklich an meiner Kraft. Wir müssen uns entscheiden. Ist es heute wirklich sinnvoll, noch bis zum Gipfel aufzusteigen? Oder wählen wir stattdessen lieber Plan B und weichen auf die Petersenspitze aus?

Der Berg läuft uns nicht weg

Okay. Auf zur Petersenspitze. Die Entscheidung geht wohl vor allem von mir aus. Rückblickend ist es allerdings nicht die schlechteste. Der Berg läuft uns nicht weg. Auf den letzten Metern zur 3.484 m hohen Petersenspitze sind wir alle drei dick eingepackt. „Achtung, deine Nase wird weiß,“ besorgt zeigt unser Bergführer auf Felix linken Nasenflügel, der seine Farbe verloren hat. „Pack die gut ein. Sorg dafür, dass sie wieder rot wird.“ Wir ziehen die Tücher noch höher übers Gesicht. Zwischenzeitlich schauen nur noch die Augen heraus. Eingemummelt, als seien wir auf einer Arktis-Expedition, schreiten wir den Grat der Petersenspitze entlang. Der Wind pfeift uns um die Ohren, wirbelt Schnee auf und kriecht in die Hosenbeine. Brrr.

Keine Wildspitze, bescheidene Abfahrt, gelungenes Erlebnis

Wir beeilen uns mit dem Abfellen. Machen die Skischuhe abfahrbereit und klicken in die Bindung ein. Der Schnee ist kalt und windverpresst. Kurven sind kaum möglich. Die Abfahrt ist heute definitiv kein Vergnügen. Dafür wartet noch ein Highlight auf uns. Weiter unten, nachdem wir das Skigebiet erreicht haben und über den Notweg abfahren, führt uns unser Bergführer nach rechts einen Hang hinunter. Und wir stehen plötzlich vor einer Höhle ganz aus Eis. In Blau- und Grüntönen schimmert die glitzernde Fläche in der Sonne. Ist das schön hier. Wir lassen eine halbe Stunde ins Land streichen. Vergessen fast, dass uns eben noch so kalt war und staunen über das Kunstwerk aus Eis und Schnee, das so nah neben der Piste liegt. Auch, wenn nicht alles nach Plan lief, ist das der perfekte Abschluss eines perfekten Tages.

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