Horror-Skiurlaub: 3 Tage im Irrenhaus

Was kann in einem Skiurlaub schon schief laufen? Vor allem, wenn top Wetterbedingungen vorhergesagt sind und es über Nacht auch noch Neuschnee gegeben hat. Nichts, dachte ich. Oder zumindest nicht viel. Selten habe ich mich so geirrt. Doch es kommt nicht nur auf das Wetter und die Gesellschaft an. Manchmal kann auch die Unterkunft zum spannenden Erlebnis werden. Willkommen im Irrenhaus. Nehmt Platz, holt euch einen Drink und seid gespannt auf die skurrilste Geschichte, die ich jemals in einem Winterurlaub erlebt habe.

Vollbepackt die Straße entlang

Eines vorab: Die Lage des Hotels ist unschlagbar. Mitten im Skigebiet gelegen und direkt mit der Seilbahn erreichbar. Ein Traum. Wäre der Parkplatz vor der Tür. Stattdessen sind die hauseigenen Parkplätze laut Google Maps 600 Meter von der Talstation der Großraumgondel entfernt. Mit Koffer, Skischuhen, Skiern und all der Ausrüstung die Straße entlangzulaufen erscheint uns nicht ideal.

Wir ignorieren die ausgewiesenen Parkplätze und parken unmittelbar an der Station auf dem Parkplatz der Tagesskifahrer. Schon auf den wenigen Metern zur Gondel fehlt mir ein dritter Arm, der unterstützend mit eingreift, wenn mal wieder was zu Boden zu rutschen droht. Alles gar nicht so einfach. Aber wir schaffen es in die Gondel. Leichte Startschwierigkeiten, mehr nicht.

Bauarbeiten am Frühstückstisch

Oben angekommen ist die Anstrengung schnell vergessen. Die Zimmer sind nagelneu und die Aussicht grandios. Ein Getränk zur Begrüßung lässt endgültig Urlaubsstimmung einkehren. Hier lässt es sich aushalten, denke ich, als ich abends die Augen schließe und mein Gesicht in dem komfortablen Kissen vergrabe. Noch ist die Welt in Ordnung. Noch weiß ich nicht, was am nächsten Tag alles auf mich zukommen wird.

Ausgeruht nehme ich am Frühstückstisch Platz. Hole mir einen Kaffee und lasse mir ein Omelette braten. Ein perfekter Start in den Tag. Fast. Nebenan wird eine Leiter knirschend über den Steinboden geschoben. Zwei Männer ziehen die Schuhe aus, steigen neben uns die Leiter hinauf. Platzieren einen Fuß auf der Sitzbank und fangen an, an der Wand hinter uns zu werkeln.

Staub rieselt hinab. Einer hämmert. Zwei Gäste packen ihr Geschirr zusammen, wechseln den Tisch. Was da los ist? Naja, der Fernseher sei kaputt. Das war’s dann wohl mit der gemütlichen Frühstücksatmosphäre. Aber kein Problem, es kribbelt eh in den Beinen. Draußen lockt schließlich frischer Neuschnee.

„Ich mach jeden Tag die selbe Schei*e“

Neuschnee? Ja, Neuschnee. Und zwar gar nicht zu knapp. Felix zückt die Kamera. Auf der Terrasse vor unserem Hotel ist noch ein Eck, das unberührt ist: „Wenn du dich da mal reinstellst, sieht man, wie viel es wirklich geschneit hat.“ Gesagt. Getan. Ich stehe im Schnee. Plötzlich landet ein Schneeball kurz vor mir. Ich blicke mich amüsiert um. Sehe den zweiten anfliegen.

Das Grinsen fällt mir aus dem Gesicht als ich den wütenden Werfer erblicke. Etwa 20 Meter von uns hebt ein Mann wild gestikulierend eine Schneeschaufel in die Höhe. Schreit uns an. Ich verstehe kein Wort. Muss ich auch nicht. Denn er ist bereits auf dem Weg zu uns. Mit hochrotem Kopf und mit dem Armen fuchtelnd steht er vor uns. Brüllt uns an. Verschluckt die Hälfte der Silben. Begriffsstutzig sehe ich ihn an. Was ist denn hier los?

Rumpelstilzchen 2.0

Okay. Ich verstehe es langsam. Wir haben den Schnee plattgetrampelt. Der Schnee, der nicht hätte betreten werden dürfen. Eine Bierbank habe eine Barriere darstellen sollen. Drei Fußabdrücke sind nun zu sehen. Das Geschrei haben wir tatsächlich verdient. So denkt auf jeden Fall der Mann mit der pochenden Ader auf der Stirn, der nicht in normaler Lautstärke reden kann.

Wir entschuldigen uns. Es war natürlich nicht unsere Absicht, ihm zusätzlich Arbeit zu machen. Er brüllt nur weiter. Wie Rumpelstilzchen hüpft er um uns herum. Wir wüssten ja gar nicht, mit was für Idioten er es tagtäglich zu tun habe. Er habe keinen Bock mehr auf die Schei**.

Er ist so in seiner Wutblase gefangen, dass er die Umgebung komplett auszublenden scheint. Ich entferne mich langsam zwei Schritte. In der Hoffnung, er bemerkt es nicht. In dem Moment macht er auf dem Absatz kehrt, flucht weiter fröhlich vor sich hin und kehrt zur Hütte zurück. Ich atme durch. Puh. Das war ja mal eine Begegnung der anderen Art.

In dem Moment ertönt eine Durchsage über die Anlage, über die eigentlich spaßige Après-Ski-Musik ausgespielt wird: „Man kann auch fragen, bevor man einfach fremden Schnee kaputt trampelt. Das macht eine Sche**-Arbeit. Aber das ist den sche** Touristen ja heutzutage egal.“ Mir ist klar, dass wir gemeint sind. Autsch. Später finden wir heraus, dass Rumpelstilzchen 2.0 der Hotelchef ist. Den Umgang mit Gästen muss er wohl noch üben …

„Hast du die Fette gesehen …?“

Wir überlegen abzureisen. Zumindest aus dem Hotel auszuchecken. Die Begegnung am Vormittag hat mir ordentlich die Laune verdorben. Ich bin ein ziemlich harmoniebedürftiger Mensch und komme mit Konfrontation nicht wirklich klar. So Situationen gehe ich normalerweise aus dem Weg, verhalte mich angepasst und bin happy, wenn alle andere happy sind.

Aber die Stimmung legt sich wieder, der Skitag ist gut und die Laune steigt. Also bleiben wir doch. Und finden uns zum Abendessen im Speisesaal ein. Das Essen ist sehr gut, da gibt’s gar nichts zu meckern. Die einzelnen Gänge sind üppig und ich kapituliere vor dem Dessert. Satt, aber glücklich sitze ich nun wieder am Abendessentisch. Bis… ja… bis der Kellner zu uns kommt.

Lässig nimmt er auf der Bank nebenan Platz und schaut verschmitzt: „Habt ihr die Fette da drüben gesehen?“ Irritiert blicke ich ihn an. Was meint er? „Na die Fette, die da mit ihrem Mann und den zwei Kindern saß.“ Ich starre immer noch. Fast bin ich versucht, mir die Augen zu reiben. Träume ich? Das kann er doch nicht ernst meinen? Er macht unbeirrt weiter: „Das ist richtig widerlich, wie man sich so gehen lassen kann.“ Felix schaltet sich ein und meint, dass das wohl nicht seine Sorge sei und er lieber seine Art überdenken sollte.

Er nimmt noch zwei, drei Anläufe, merkt dann aber endlich, dass er mit seinen Lästereien bei uns nicht gut ankommt und sucht das Weite. Puh. Was war das denn? Eine Servicekraft, die nach einem durchaus gelungenen Abendessen über die Gäste herzieht? Und das auch noch bei anderen Gästen. Das geht gar nicht klar. Ich bin angeekelt.

Zeit zu gehen!

Am nächsten Tag ist der Spuk vorbei. Wir verlassen das Haus. Mit gepackten Taschen stehen wir an der Seilbahnstation auf dem Weg nach unten. Wir scherzen über die letzten Begegnungen. Das glaubt uns doch eh keiner, ist der gemeinsame Tenor. Doch unsere amüsierte Unterhaltung wird abrupt unterbrochen: „Ich bleib hier keinen Tag länger!“ Die Stimme gehört zu einem Mann, der seine Taschen auf einem Kofferwagen balanciert. Es scheint, als habe er den gesamten Hausstand mit dabei.

Eine andere Stimme fragt, ob er schon was neues gefunden habe. Die Antwort kommt rasch und ohne zu überlegen: „Nein! Aber alles ist besser als weiterhin hier zu arbeiten.“ Felix und ich tauschen wortlos einen Blick aus. Wir denken dasselbe. Das ist alles zu viel. Nichts wie weg hier!

Eine letzte Hürde

Ganz ohne weitere Überraschungen kommen wir aus der Nummer aber auch jetzt noch nicht raus. Am Parkplatz trifft es uns nochmal mit voller Wucht. Alle Parkbuchten sind frei. Nur hinter unserem Auto ist eine Schneewand vom Räumfahrzeug aufgeschüttet. Na klar. Was auch sonst? Richtig wundern tut uns das nach all der Action der letzten Tage dann auch nicht mehr …

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