Plötzlich Neuschnee: Grandiose Bergtour im Rosengarten in Trentino

Ich versinke bis zu den Knien im Schnee und folge den Spuren des Bergführers. Er lotst uns durch die verschneite Rosengartengruppe. Nie hätte ich gedacht, dass es schon so winterlich sein würde. Eigentlich sollte das eine aussichtsreiche Herbstwanderung werden. Stattdessen sind wir im Winterwunderland unterwegs. Dadurch kommt direkt ein bisschen mehr Abenteuerfeeling auf.

Unter der Oktobersonne bergauf

Die goldene Oktobersonne taucht die Bergwelt in warmes Licht. Wir starten oberhalb von Vigo di Fassa an der Seilbahnstation bei der Campedie-Hütte. Vor uns tun sich gewaltige Bergriesen auf. Wir halten genau drauf zu. Und während wir bei strahlend blauem Himmel aufsteigen, kremple ich die Ärmel meines Longsleeves hoch.

Doch es ist kein warmer Sommertag. Das merken wir bereits einige Höhenmeter später. Denn dann knirscht unter den Füßen der erste Schnee. Ich genieße die ersten Schritte durch das glitzernde Weiß. Denn ich liebe den Übergang der Jahreszeiten.

Kurzer Abstecher zu den Vajolettürmen

So spaziere ich Höhenmeter um Höhenmeter bergauf. Dabei muss ich immer wieder den Kopf weit in den Nacken legen, um über die beeindruckende Landschaft zu staunen. Denn um mich herum ragen Felswände in die Höhe. Es ist immer wieder schön, inmitten der beeindruckenden Dolomitengipfel unterwegs zu sein. Und ich komme mir plötzlich ganz klein vor, während ich vor der imposanten Ostwand der Rosengartenspitze nach oben wandere.

Um noch tiefer in den Rosengarten vorzudringen, machen wir einen kleinen Abstecher zu den Vajolettürmen. Die fingerähnlichen Felsformationen sind ab der Vajolet-Hütte in knapp 40 Minuten über einen drahtseilversicherten Steig zu erreichen. Dort ist der Winter auch schon zu spüren. Teilweise ist es gar nicht so einfach vorwärts zu kommen. Denn die Füße müssen unter der weichen Schneeschicht nach Halt tasten. Und immer wieder treffen sie dabei auf wackelige Steine oder erwischen ein Loch, das zugedeckt war.

Mittendrin statt nur dabei

Doch trotzdem ist der Aufstieg unschwierig und die Belohnung für die paar extra Höhenmeter folgt sofort. Es ist ein sensationeller Blick, der uns erwartet. Ich stehe in dem Kessel, in dem der Legende nach König Laurins Rosengarten angelegt war. Hinter mir erhebt sich die sagenumwobene Laurinswand, die nach dem legendären Herrscher benannt ist und vor mir liegen die filigranen Vajolettürmen. Ein Paradies für Kletterer.

Ich staune und nehme mir auf der Terrasse der Gartlhütte ein paar Minuten Zeit, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Die Pause ist nicht lang, aber dennoch ausreichend, um den Umschwung des Wetters innerhalb von Bruchteilen mitzuerleben. In rasantem Tempo ziehen Wolken auf. Ein kühler Nordwind treibt sie an. Immer mehr kommen hinter den Berggipfeln hervor und sie werden beinahe in Sekunden dichter und dichter. Die Sonne hat keine Chance.

Nur wenige Minuten sind vergangen, doch ohne das wärmende Licht fröstelt es mich. Von einer auf die andere Sekunde ist der Herbst in den Winter umgeschlagen.

Die Magie des ersten Schnees

Und als wäre das noch nicht genug, gesellen sich zu dem eisigen Wind schon bald die ersten Schneeflocken hinzu. Obwohl ich noch längst nicht warmgelaufen bin, muss ich kurz stehenbleiben und den tanzenden Flöckchen zuzusehen. Der erste Schnee des Jahres geht immer mit einer gewissen Magie einher. Ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann.

Doch allzu lange kann ich mich nicht aufhalten, denn eine frische Böe fährt mir bis in die Knochen. Außerdem wird die Wanderung weiter zum Antermoia-Pass mittlerweile mit jedem Schritt anstrengender. Der Schnee reicht nun schon bis zu den Knöcheln hinauf. Ich hebe die Füße also höher als gewohnt und stapfe Fuß um Fuß nach vorne.

Rutschpartie bergab

So bin ich dankbar, als wir den Pass endlich erreichen. Eigentlich sollte es hier eine schöne Aussicht geben. Doch an diesem Tag bin ich umgeben von Nebel. Der Bergführer nickt uns trotzdem aufmunternd zu. Denn ab diesem Punkt geht es nur noch bergab. Nur noch. Das klingt so einfach.

In Wahrheit gleicht der Weg gen Hütte vielmehr einer Rutschpartie. Ein Weg ist nicht mehr zu sehen. Und obwohl der Bergführer vorausstapft und ich mich bemühe, seine Spuren zu treffen, sinke ich immer wieder bis zu den Knien ein. Teilweise reicht mir der Schnee sogar bis zur Hüfte. Das eine oder andere Mal strauchle ich und verliere das Gleichgewicht. Doch auch die Stürze auf das Hinterteil fängt der weiche Puder unter unseren Füßen auf.

Eine mittelschwere Herbstwanderung wird zur Expedition

Das wäre also alles halb so schlimm, wenn nicht auch bei jedem Schritt ein wenig Schnee in meine Schuhe eindringen würde. Zwar habe ich so kleinen Häkchen an den Beinenden meiner Hose, die sich an den Schnürsenkeln der Bergschuhe befestigen lassen, aber ein wenig Nass schafft es trotzdem immer wieder ins Innere. Und so sind meine Füße bald eiskalt. Gepaart mit dem tiefen Schnee, dem eisigen Wind und der geringen Sicht, fühle ich mich kurzzeitig wie auf einer Expedition durch das ewige Eis der Polargegend.

Etliche Gehminuten später liegt der Geruch nach Kamin in der Luft. Die Hütte kann nicht mehr weit sein. Und ich kann es nicht mehr erwarten, aus den klammen Klamotten zu schlüpfen und die Füße in frischen Socken gegen die heißen Platten des Kachelofens zu drücken.

Das Glück der Berge

Nach einer ruhigen Nacht an der Antermoia-Hütte wache ich ausgeruht auf. Meine Energie ist zurück. Die Sonne auch. Im Schein der aufgehenden Sonne glitzern Millionen Eiskristalle. Der Himmel zeigt sein schönstes Morgenrot und kleine Wölkchen umspielen die Berggipfel, die noch nächtlich blau erscheinen. Es ist märchenhaft. Eine Szenerie wie aus dem Bilderbuch.

Und genau das sind die Bilder, die sich einbrennen. Das sind die Momente, für die sich alle Strapazen lohnen. Dafür laufe ich auch meterweit durch eisige Kälte hindurch. Denn das sind die Augenblicke, die mich mit Glück und Dankbarkeit erfüllen. Ich lebe auf einem wunderschönen Planeten mit wunderschönen Bergen und Tälern. Und ich bin froh, in einer Region zu leben, in der es Jahreszeiten gibt. Denn der Zauber des Winters erfüllt mich genauso wie der Glanz des Herbsts.

Sommer- oder Winterliebhaber?

Wie seht ihr das: Lieber Sommer oder Winter? 🌴❄️☀️
Oder bist du genauso zufrieden, dass wir einfach alle Jahreszeiten erleben können?

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